Die FDP … Sexismus haben wir schon, aber doch nicht ein Jahr später!

Dirk Niebel, Entwicklungsminister, heute im ZDF:

„Ich halte es eigentlich für eine ziemliche Unverschämtheit von der Dame beim Stern, die nach einem Jahr, wo sie sich belästigt fühlt, äh, gefühlt hat, dann wenn  jemand eine neue politische Funktion übernimmt, plötzlich dieses äh einschneidende Ereignis äh scheint zu verarbeiten äh scheinbar verarbeitet äh hat, und das dann öffentlich macht, ich glaube, dass das mit gutem Journalismus herzlich wenig zu tun hat.“

.. „Wir freuen uns über jede Frau, die bei uns mitarbeitet …“   „und jede Frau, die bei uns […] mitarbeitet, hat alle Chancen, jedes Amt zu bekommen, und deswegen haben wir kein Problem mit Frauen in der Partei, und äh sie können sicher sein, dass wir gegen die sexuelle Belästigung von Frauen und übrigens auch von Männern sind ..“

„aber diese Art und Weise, hier Journalismus zu betreiben, dass man ein Jahr wartet, bis jemand eine Funktion hat, und dann plötzlich unheimlich betroffen gewesen ist und das ganze skandalisiert, das spricht für sich, ich hab mit der Dame ein Interview, das für Mittwoch vereinbart war, abgesagt.“

Zusammenfassung:

Ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht, ist für die FDP nicht von Belang. Der Zeitraum der Veröffentlichung ist das einzige Thema. (Victim Blaming, Derailing)

Der Zeitraum ist auch wirklich total unfair, war Brüderle doch bis vor kurzem ein Nichts ohne Funktion und die FDP im ruhigen, konstruktiv arbeitenden Fahrwasser des sinnvollen politischen Tagesgeschäfts, außer dass da natürlich die Niedersachsen-Wahl war und davor all die Koalitionsstreitigkeiten, also hätte die Journalistin wirklich andere Zeiten finden können um den sie belästigenden Mann zu schützen.

Wenn es Niebel und Co gelingt, die Karriere der Journalistin als Strafe für das Veröffentlichen der sexuellen Belästigung zu behindern oder zu zerstören, dann halten sie das nur für angemessen – oder warum muss das Absagen so großartig präsentiert werden?

„Wir freuen uns über jede Frau, die bei uns mitarbeitet“ – Bitte beachten: Subjekt, Prädikat , Objekt – pragmatische Linguistikanalyse: stellt die Einstellung und die Sachlage völlig klar. Nicht, bei uns arbeiten viele Frauen mit, oder Frauen haben die FDP geprägt – bloß nicht!! Nicht Hamm-Brücher erwähnen!! Würde ich auch nicht an seiner Stelle….

“Wir freuen uns” (Kommentar zensiert, besonders an den Bars??) Die Aufstiegschancen dieser Frauen? Wo sind sie denn? Altlasten, wie Leutheusser-Schnarrenberger, die tatsächlich mal liberal war, und jetzt noch Birgit Homburger als Alibi-Frau, die entweder aufgegeben hat oder Redeverbot…; Koch-Mehrin, über ihre Doktorarbeit gestolpert, nachdem da herumgegraben wurde, nachdem sie sich öffentlich mit der sexuellen Ausbeutung von Frauen in den zahlreichen Bordellen in der Nähe des Europa-Parlaments beschäftigt hatte..

Politische Analyse:

Diese Reaktion ist nach der Niedersachsen-Wahl (9,2% für die FDP) absolut nachvollziehbar, genauso wie das Gerede von Leutheusser-Schnarrenberger (sinngemäß: nicht jedes Kompliment ist eine Beleidigung, Übersetzung: die Frauen sind zu dumm, das zu unterscheiden).

WählerInnenanalyse bei der FDP?

Laut Auskunft der Friedrich Naumann Stiftung (politische Stiftung der FDP) wählten in Niedersachsen 8% der Frauen und 11% der Männer die FDP. Seufz. Allerdings scheint sich die FDP eher um die Ausweitung ihres Potentials in der zweiten Gruppe zu bemühen. Ihr Verhalten ist besonders attraktiv für Männer der mittleren und oberen Mittelschicht /unteren Oberschicht, die feststellen müssen, dass der Weg nach oben für sie inzwischen ziemlich geschlossen ist, weil die Netzwerke aus Oberschichtsmännern da viel zu gut funktionieren – siehe Vorstände und Boy Group der FDP. Dies ist anders als noch in den 80ern, der  Endphase des Aufbaus der Republik, als zumindest Männer aus dieser Schicht bei entsprechenden Qualifikationen – im  Gegensatz zu Frauen – diese Chance noch hatten.

Nun konkurrieren Sie um Positionen in den mittleren Führungsebenen und fühlen sich dabei durch Frauen bedroht, weil sie plötzlich Qualifikationen vorlegen und Fähigkeiten beweisen müssen und weil Geschlecht und Herkunft alleine nicht mehr genügen.

Sie engagieren sich nicht gegen die Netzwerke in den oberen Rängen, weil sie wie die Anti-Quoten-Frauen auf Belohnung für Unterwürfigkeit, Anpassung und Brav-Sein hoffen (bei Frauen kommt noch der Wunsch nach Abgrenzung von anderen Frauen und nach Abgrenzung von Menschen in schwierigen Situationen hinzu) – wenn diese Männer sich gegen Netzwerke etc. engagieren würden, wären sie bei den Grünen oder den Linken.

Sie grenzen sich lieber von Frauen ab, halten sie für eine Bedrohung und sehen in der FDP eine Garantie für den Fortbestand der ihnen die aus ihrer Sicht ihnen zustehenden Privilegien durch Herkunft, Status der Eltern und vor allem Geschlecht. Womit sie natürlich Recht haben, die FDP ist genau so eine Partei, und im Gegensatz zu manchen andern Parteien verschleiert sie das nicht einmal.

Daher kann Niebel mit seiner Aussage zu sexueller Belästigung nur punkten. Die FDP erfüllt zur Zeit die gleiche Funktion wie die Linke vor einigen Jahren:  Auffangbecken für eine Prostest- und Frustwählerschaft, die sonst bei ganz anderen Parteien landen würde und die sich freut, wenn Frauen so richtig eins auf die Schnauze kriegen. Aber während diese Leute bei den Linken noch etwas lernen konnten in Dingen Chaos, sicher, und in Dingen beleidigte Egos, das auch, aber auch in Dingen Gesellschaftsanalyse und Demokratie, können diese Jungs bei der FDP gar nichts lernen. Denn die FDP hat überhaupt kein Interesse an der mittleren, unteren oder oberen Mittelschicht oder an irgendwelchen Aufstiegschancen für Leute, die nicht zu ihren Netzwerken gehören.

Frauen, bei mir immer Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Analyse, sind für die FDP nur Ablenkungsmasse für potentielle und tatsächliche unterbelichtete verwöhnte Männer mit Anspruchsdenken. Aber wen wählen die, wenn sie’s merken?

Intelligente Kommentare zur Sexismus-Debatte auf anderen Blogs:

Frau Dingens (klare Erläuterung zum öffentlichen Umgang mit Sexismus und zu Victim Blaming und Derailing)

Antje Schrupp (aus meiner Sicht viieel zu optimistisch, aber trotzdem)

Haltungsturnen – ein Mann, kann ja passieren – viel dazu zu sagen, ein paar kritische Anmerkungen auch, aber immerhin erwähnt er auf seinen Blogs so etwas wie das asymmetrische Verhältnis zwischen den Geschlechtern was die Machtverteilung angeht, und ja, das hat Auswirkungen auf Dinge wie sexuelle Belästigung und den alltäglichen Sexismus.

Bei Twitter unter #Aufschrei und #Sexismus sind auch ca. 100 weitere Artikel, bestimmt ein paar gute.

Die Süddeutsche hat zwei Mal gute Artikel, einmal typischen Blödsinn: nach konformer Einleitung ein konformerer Schluss (arme Männer böse Frauen und verkrampfte?? unverkrampfte??? Netzstrümpfe…), Wutanfall wird nachgereicht. (Artikel 1 – Linktipps!!, Artikel 2, Artikel blöd)

LG

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